Erste Hilfe für Kinderseelen

Einschneidende Erlebnisse von Gabriele Kieninger bei ihren Auslandseinsätzen

Es sind einschneidende Erlebnisse, die Gabriele Kieninger mit nach Hause bringt, wenn sie von ihren Auslandseinsätzen zurückkommt. „Wir sahen Kinder beim Fußballspielen, als ein Junge völlig ausflippte“, erzählt sie, „Terroristen des sogenannten Islamischen Staats hatten ihn gezwungen, mit abgeschlagenen Menschenköpfen Fußball zu spielen“ – solch ein Flashback, wie die traumatische Erinnerung an ein schlimmes Erlebnis genannt wird, taucht unvermittelt in Situationen auf, die den Betroffenen an das Erlebte erinnern und den griechischen Wortursprung von „Trauma” spürbar macht:? Wunde. Für das Kind. Aber auch für die Helferin, die sich aufmacht, als „Notfallpädagogin“ Kindern mit Traumata in Kriegen und nach Naturkatastrophen zu helfen. „Diese Hilfe bedeutet mir sehr viel, denn es ist ein sehr intensives Miteinander“, hebt Kieninger hervor.
Die notfallpädagogischen Einsätze werden von der Karlsruher Organisation „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ initiiert. Es handelt sich um eine waldorfpädagogische Organisation, die die Teams ausbildet und entsendet. Von ihren Erfahrungen als Notfallpädagogin berichtete Gabriele Kieninger nun bei einem Vortrag des „Fördervereins der Freunde der Beruflichen Schulen Waiblingen e.V.“.
Bei insgesamt fünf Einsätzen im Nordirak, Kenia und Indonesien war sie mit dabei. Außerhalb dieser jeweils zweiwöchigen Phasen ist die Sozialpädagogin beim Landratsamt Rems-Murr angestellt. Sie ist VABO-Begleiterin am Beruflichen Schulzentrum Waiblingen und unterstützt Migrantenklassen bei Administrativem und der „Traumavermittlung“, wie die 55-Jährige die Sensibilisierung zwischen Geflüchteten, deren Erlebnissen und hiesigen Lehrern nennt.
Was machen Notfallpädagogen? Sie tanzen, singen, machen rhythmische Rituale, malen, kneten - also Tätigkeiten voller Lebensfreude, eben das, was Kinder gerne machen. Mit einem Unterschied: Die Waldorfpädagogin hat es mit Kindern zu tun, die traumatisiert sind, die inmitten von schlimmen Katastrophen mit hundertfachem Sterben, großen Zerstörungen, familiären Schicksalen konfrontiert sind.
Sie und ihre Mitstreiter kümmern sich um die Kinderseelen, wollen sie davor bewahren, traumatypische Symptome zu entwickeln, oder diese zumindest lindern. Denn die überforderten Kinder sind meist nicht primär im Fokus der anderen Hilfsorganisationen bei Katastrophen. Die Betroffenen vor Ort danken es ihr: „Schön, dass ihr da seid!”, erzählt sie von Eltern, die froh sind, „Elternberatungen” nutzen zu können - weil ihre Kinder Traumafolgestörungen wie Bettnässen, Erstarrungen oder starke Ängste zeigen, oder weil ihre Kinder verstorben sind. Da brauchen Erwachsene Beistand, die Kleinen sowieso: „Je hilfloser sich ein Kind in einer Situation fühlt, desto traumatischer wirken die durchlebten Ängste”, berichtet sie von dem, was sie erlebt.
Die Notfallpädagogik „Freunde der Erziehungskunst” gibt es seit 2006 und sie verfügen über gut 300 Notfallpädagogen in mehreren Ländern der Welt. Ihr Credo:?„Erste Hilfe für die Seele.“ Die angewandten Methoden bedienen sich dabei der Waldorfpädagogik. Künstlerische Ausdrucksformen wie Malen, Plastizieren, Musik und Eurythmie sowie Erlebnis- und Zirkuspädagogik sind Bestandteil der notfallpädagogischen Arbeit.
Zur eigenen Psychohygiene, um das Erlebte zu verarbeiten, kann sie die Nachtreffen der „Freunde” in Karlsruhe nutzen, aber vor allem mag sie es zu sporteln, zu malen, zu plastinieren. „Hier darüber mit den Menschen in meinem Alltag zu reden ist schwierig, weil jeder eben in seinem Alltag steckt“, aber deswegen sei der Vortrag für den Förderverein eine gute und ungewohnte Gelegenheit gewesen, über ihre eindrücklichen Erlebnisse zu berichten.
Wann der nächste Einsatz ansteht, weiß sie noch nicht. Von der Schule hat sie jedenfalls die Erlaubnis, einmal im Jahr auch während der Schulzeit an einem zweiwöchigen Hilfseinsatz teilnehmen zu können.

Text: Hagmann

Bilder: G. Kieninger

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